Ist die liberale Demokratie ein Auslaufmodell?
Ein Satz über China bleibt hängen: Modernisierung muss nicht Verwestlichung bedeuten. Er trifft eine Annahme, die ich nie ernsthaft infrage gestellt habe — dass Fortschritt am Ende zur liberalen Demokratie führt. Heute behaupten sehr unterschiedliche Stimmen das Gegenteil: aus Peking, aus dem Silicon Valley, aus linker Demokratiekritik und aus Deutschland. Diese Spurensuche fragt, warum Demokratie so erschöpft wirkt — und warum die Sehnsucht nach Tempo auch in mir arbeitet.
VIII. Der Blick in den Spiegel
Bis hierhin war es leicht. Ich konnte über die anderen schreiben — über Xi und seine Lager, über Yarvin und seinen Diktator, über Karp und seine Software, über die deutsche Sprache, die langsam kippt. Solange es die anderen sind, bleibt man sauber.
Etwas von alldem arbeitet aber auch in mir.
Als ich den Podcast hörte, der diesen ganzen Text angestoßen hat, war da nicht nur Distanz, sondern auch Bewunderung. Ich hörte, wie China in Jahrzehnten plant, und dachte: Wäre das nicht großartig. Ich hörte von der Zahl der Ingenieure, von Solarparks, die in Monaten entstehen, von Zügen, die fahren, von Plänen, die gehalten werden — und ein Teil von mir sagte leise: Ja. Genau das fehlt uns.
Es gibt eine Faszination, die quer durch alle politischen Lager geht: die Faszination der Kompetenz, des Tempos, der Dinge, die einfach funktionieren. Wenn ein Land in fünf Jahren ein Hochgeschwindigkeitsnetz baut, für das wir fünf Jahrzehnte bräuchten, dann spürt man etwas. Nicht unbedingt Zustimmung, aber einen Sog, ein leises, fast peinliches Verlangen danach, dass es bei uns auch so ginge.
Dieser Sog ist schwerer abzuwehren als Yarvins Theorie. Yarvin kann ich ablehnen, seine Schlüsse sind mir fremd. Aber den Sog kann ich nicht einfach ablehnen, weil er in mir selbst sitzt. Er fühlt sich nicht nach Extremismus an, sondern nach Vernunft, nach dem schlichten Wunsch, dass die Dinge laufen.
Hier hilft eine Unterscheidung, die unscheinbar aussieht und doch alles trägt: die zwischen Langsamkeit und Lähmung. Die beiden sehen sich ähnlich, sind es aber nicht.
Nicht jede Langsamkeit ist demokratisch wertvoll. Wertvoll ist die Verlangsamung, die aus Widerspruch, Kontrolle und Rechtfertigung entsteht. Eine Bahnstrecke dauert auch deshalb so lange, weil Menschen widersprechen dürfen, weil Gerichte prüfen, weil Betroffene gehört werden. Das ist anstrengend und teuer und manchmal zum Verzweifeln, aber es ist der Preis dafür, dass nicht einer allein bestimmt, wo die Trasse langgeht und wessen Haus dafür weichen muss. Diese Verlangsamung ist die Form, in der die Demokratie ihre Versprechen hält: dass jeder gehört wird, dass Macht sich rechtfertigen muss, dass es ein Zurück gibt, wenn ein Fehler passiert.
Die Lähmung ist etwas anderes. Sie ist nicht eingebaut, sondern verkommen — wenn ein Antrag durch vier Behörden wandert, die nicht miteinander reden, wenn ein Formular ein Faxgerät verlangt, das es nicht mehr gibt, wenn niemand entscheidet, weil niemand zuständig sein will. Das schützt niemanden, das hört niemanden an, das ist einfach kaputt.
Hier liegt der Fehler, den ich fast gemacht hätte, als ich den Podcast hörte: Ich habe die beiden verwechselt. Ich habe die Lähmung gesehen — die kaputte Verwaltung, die endlose Genehmigung — und daraus den Schluss gezogen, die Demokratie selbst sei zu langsam. Das stimmt aber nicht. Nicht die Demokratie ist erschöpft, erschöpft ist eine bestimmte Art, sie zu betreiben.
Diese Verwechslung machen sich sehr unterschiedliche Akteure zunutze. Xi zeigt auf die Lähmung und bietet die Partei an, Yarvin zeigt auf sie und bietet den König an, die deutsche Effizienzrhetorik zeigt auf sie und bietet den schlanken Staat an. Selbst Karp, der die Demokratie eigentlich retten will, zeigt auf sie und schließt, der Westen müsse härter werden. So verschieden ihre Ziele sind, der Trick ist derselbe: Sie zeigen auf den kaputten Teil und meinen den ganzen. Sie verkaufen die Abschaffung des Widerspruchs als Reparatur der Verwaltung.
Wenn man das einmal verstanden hat, verändert sich der Sog. Er verschwindet nicht, aber man kann ihn anders einordnen. Ja, ich will, dass die Dinge funktionieren — ich will Tempo, ich will Kompetenz, ich will Pläne, die halten. Aber ich will das innerhalb der Form, nicht gegen sie. Ich will eine reparierte Verwaltung, keine abgeschaffte Bremse.
Ich bewundere die Form und verabscheue das Ziel. Ich bewundere die Beschleunigung, die Ambition, den langen Horizont, den Mut, etwas zu Ende zu denken und zu Ende zu bauen. Aber wofür das alles geschieht, stößt mich ab: Bei Xi ist das Ziel die Macht der Partei, bei Yarvin die Herrschaft eines Königs, bei Thiel und seinesgleichen der eigene Reichtum, die eigene Erhöhung, die Freiheit der Wenigen von der Last der Vielen. Die Maschine beeindruckt mich, aber ich sehe, wem sie gehört und für wen sie läuft.
Tempo und Ambition sind keine Werte an sich, sondern Werkzeuge. Die Frage ist immer, in wessen Hand sie liegen und wohin sie zeigen. Eine schnelle Maschine ist großartig, wenn sie mich irgendwohin bringt, wo ich hinwill, und eine Bedrohung, wenn sie mich überfährt.
Der Bruch unserer Zeit verläuft nicht nur zwischen Lagern da draußen, er verläuft auch durch mich hindurch: zwischen dem Teil, der das Funktionieren liebt, und dem Teil, der weiß, was verloren geht, wenn das Funktionieren wichtiger wird als die Stimme. Auflösen kann ich diesen Riss nicht. Ich kann nur entscheiden, welche Verwechslung ich nicht mehr mitmache: Lähmung ist kein Schutz — aber Widerspruch ist kein Defekt.