Ist die liberale Demokratie ein Auslaufmodell?

Ein Satz über China bleibt hängen: Modernisierung muss nicht Verwestlichung bedeuten. Er trifft eine Annahme, die ich nie ernsthaft infrage gestellt habe — dass Fortschritt am Ende zur liberalen Demokratie führt. Heute behaupten sehr unterschiedliche Stimmen das Gegenteil: aus Peking, aus dem Silicon Valley, aus linker Demokratiekritik und aus Deutschland. Diese Spurensuche fragt, warum Demokratie so erschöpft wirkt — und warum die Sehnsucht nach Tempo auch in mir arbeitet.

III. Die Diagnose, die viele teilen

Etwas Seltsames passiert gerade. Menschen, die sich in fast nichts einig wären, beginnen denselben Satz zu sagen.

Xi Jinping erklärt, der Osten steige auf, der Westen sei im Niedergang begriffen. Peter Thiel, Milliardär aus dem Silicon Valley, schreibt schon 2009, er glaube nicht länger, dass Freiheit und Demokratie vereinbar seien. Der britische Politikwissenschaftler Colin Crouch nennt unsere Gegenwart Postdemokratie: Die Verfahren bleiben — Wahlen, Parlamente, Debatten —, nur die eigentliche Macht ist längst woanders. Der linke Ökonom Yanis Varoufakis schreibt, der Kapitalismus sei tot, an seine Stelle sei ein Technofeudalismus getreten, in dem ein paar Plattformherren herrschen. Auf der Straße kleben sich junge Klimaaktivisten fest und sagen offen, man habe keine Zeit mehr für lange demokratische Prozesse; das Haus brenne. In deutschen Talkshows wächst eine Sehnsucht nach Machern, nach jemandem, der durchregiert — nach Milei, der mit der Kettensäge auftritt, nach Musk, der einfach macht. Und am rechten Rand, bei der AfD und ihrem Umfeld, ist der Satz am kürzesten: Das System ist kaputt.

Ein chinesischer Staatschef, ein kalifornischer Investor, ein britischer Professor, ein griechischer Linker, eine Klimabewegung, ein Talkshow-Publikum, eine Partei am rechten Rand. Sie würden sich an keinem Tisch der Welt einig. Über eines sind sie es doch: Die liberale Demokratie, so wie wir sie kennen, liefert nicht mehr, was sie verspricht.

Wenn nur die üblichen Verdächtigen die Demokratie für erschöpft hielten, könnte man es abtun — ein paar Autokraten, ein paar Wutbürger, fertig. Nur sind es eben nicht nur die üblichen Verdächtigen. Die Kritik kommt von links und von rechts, von oben und von unten, aus Peking und aus Palo Alto und aus dem Wohnzimmer nebenan.

Dass diese Menschen dieselbe Diagnose stellen, heißt nicht, dass sie dasselbe wollen. Die Diagnose ist geteilt, die Therapie ist es nicht. In Teilen der Klimabewegung will man mehr Demokratie, nur schneller — man will, dass wissenschaftliche Realität nicht noch einmal dreißig Jahre folgenlos bleibt. Yarvin und Thiel wollen das Gegenteil: weniger Demokratie, im Zweifel gar keine. Crouch will die Demokratie retten, indem er ihre Aushöhlung beschreibt. Xi will eine andere Ordnung exportieren. Die Talkshow-Sehnsucht weiß oft selbst nicht genau, was sie will, nur dass es schneller gehen soll.

Gleiche Diagnose, völlig verschiedene Schlüsse. Wer aus der geteilten Diagnose eine geteilte Gesinnung macht, hat schon verloren, denn dann landet man bei der bequemen Lüge, links und rechts seien am Ende dasselbe. Sind sie nicht.

Aber die Diagnose bleibt, und sie verlangt eine Antwort. Die erste kommt aus China.