Ist die liberale Demokratie ein Auslaufmodell?
Ein Satz über China bleibt hängen: Modernisierung muss nicht Verwestlichung bedeuten. Er trifft eine Annahme, die ich nie ernsthaft infrage gestellt habe — dass Fortschritt am Ende zur liberalen Demokratie führt. Heute behaupten sehr unterschiedliche Stimmen das Gegenteil: aus Peking, aus dem Silicon Valley, aus linker Demokratiekritik und aus Deutschland. Diese Spurensuche fragt, warum Demokratie so erschöpft wirkt — und warum die Sehnsucht nach Tempo auch in mir arbeitet.
I. Ein Satz, der nicht loslässt
Auf ein paar Fahrten zur Arbeit hörte ich ein China-Interview in der Lage der Nation, Stück für Stück. Zu Gast war Dr. Marina Rudyak, Sinologin an der Universität Heidelberg, die unter anderem zur politischen Ideologie der KPCh und zur chinesischen Diskursmacht forscht. Ich glaubte zu wissen, was kommen würde: autoritärer Staat, Überwachung, Menschenrechte, Drohkulisse.
Es kam anders. Da sprach jemand, der in China studiert und gearbeitet hat, nah dran am politischen Geschehen, und ordnete die Dinge ein — weder als Anklägerin noch als Bewunderin, sondern nüchtern. Mit Respekt für das, was dort funktioniert, aber ohne die Schattenseiten auszulassen: die systematische Gewalt, die politische Gleichschaltung, den Personenkult. Es war eingebettet in ein Bild, das viel komplizierter war als das, mit dem ich gerechnet hatte.
Zwischen zwei Ampeln blieb ein Gedanke bei mir hängen. Sinngemäß sagte Xi Jinping einmal: Chinas Aufstieg habe der Welt bewiesen, dass Modernisierung nicht zwingend Verwestlichung bedeutet.
Dieser Satz rührt an einer Annahme, mit der ich aufgewachsen bin, ohne sie je zu hinterfragen — die Annahme, dass am Ende alle so werden wie wir. Dass ein Land, das reich wird, irgendwann frei wird; dass ein Volk, das eine Mittelschicht bekommt, irgendwann wählen will; dass Modernisierung und Demokratie zusammengehören wie zwei Seiten derselben Medaille. Das war die Erzählung meiner Jugend: Mauerfall, Ende der Geschichte, der Westen hat gewonnen, der Rest zieht nach.
China sagt dazu nein. Nicht aus Trotz und nicht als Protest, sondern als Tatsache: Wir werden modern, und wir werden nicht wie ihr. Beunruhigend daran ist weniger die Behauptung selbst als der Umstand, dass China bisher recht zu behalten scheint.
Ich schreibe nicht als Sinologe. Ich schreibe als jemand, der in einem Podcast an einem Satz hängen blieb und merkte, dass darin mehr steckt als eine Bemerkung über China. Je länger er mir im Kopf herumging, desto größer wurde die Frage. Aus einer Frage über China wurde eine Frage über uns.
Wenn Modernisierung nicht zwangsläufig zu unserer Ordnung führt, dann ist diese Ordnung nicht das Ziel, auf das alles zuläuft, sondern eine Möglichkeit unter mehreren — eine, die sich behaupten muss, statt sich auf die Geschichte zu verlassen. Und dann stellt sich eine Frage, die vor dreißig Jahren noch absurd geklungen hätte: Ist die liberale Demokratie das Ende der Geschichte? Oder beobachte ich gerade ihr Auslaufen?
Je mehr ich darauf achtete, desto öfter hörte ich die Frage. Nicht nur aus China, sondern aus dem Silicon Valley, aus der Wissenschaft, aus Gesprächen im Alltag, aus deutschen Talkshows, aus dem Mund von Leuten, die einander normalerweise wenig zu sagen hätten. Aus sehr unterschiedlichen Richtungen kommt gerade dasselbe Urteil: Die liberale Demokratie, so wie wir sie kennen, habe ihre beste Zeit hinter sich.
Mich interessiert dabei weniger, wie man China moralisch einordnet, als die Frage, warum es Menschen aus so verschiedenen Lagern gerade so leicht fällt, eine Ordnung für überholt zu erklären, die mir selbstverständlich war. Dem möchte ich nachgehen, auch wenn es unbequem wird. Denn am Ende führt die Spur nicht nur nach Peking und ins Silicon Valley, sondern auch zurück zu mir selbst.