Ist die liberale Demokratie ein Auslaufmodell?
Ein Satz über China bleibt hängen: Modernisierung muss nicht Verwestlichung bedeuten. Er trifft eine Annahme, die ich nie ernsthaft infrage gestellt habe — dass Fortschritt am Ende zur liberalen Demokratie führt. Heute behaupten sehr unterschiedliche Stimmen das Gegenteil: aus Peking, aus dem Silicon Valley, aus linker Demokratiekritik und aus Deutschland. Diese Spurensuche fragt, warum Demokratie so erschöpft wirkt — und warum die Sehnsucht nach Tempo auch in mir arbeitet.
V. Die kalifornische Antwort: Der Staat als Unternehmen
Die zweite Antwort kommt aus Kalifornien, dort, wo die Sonne scheint und die reichsten Unternehmen der Welt stehen. Auf den ersten Blick könnte der Kontrast zu China nicht größer sein: Hier ist alles privat, schnell, libertär — kein Fünfjahresplan, kein Politbüro. Und doch verbindet etwas diesen Ort mit Peking. Auch hier hält man das langsame demokratische Aushandeln für ein Problem, nicht aus Liebe zur Partei, sondern aus Liebe zur Geschwindigkeit. Und einige hier denken den Gedanken radikaler zu Ende, als es die meisten Politiker je wagen würden.
Fangen wir bei dem Mann an, der die Theorie liefert: Curtis Yarvin.
Yarvin ist kein Politiker und kein Unternehmer, sondern Programmierer und Blogger. Über viele Jahre hat er, zuerst unter einem Pseudonym, ein Gedankengebäude errichtet, das man früher für eine Spinnerei gehalten hätte; heute lesen es Leute mit Macht. Sein Kernbegriff heißt die Kathedrale. Damit meint er nicht die Kirche, sondern das Zusammenspiel von Universitäten, Medien und Behörden, das nach seiner Ansicht den eigentlichen Meinungskorridor einer Gesellschaft festlegt. Niemand befiehlt es, aber alle ziehen in dieselbe Richtung. Wahlen, sagt Yarvin, ändern daran nichts: Egal wen man wählt, die Kathedrale regiert weiter.
Bis hierhin ist das eine Beobachtung, die man teilen kann oder nicht. Interessant wird Yarvins Schluss daraus. Wenn Wahlen ohnehin nichts ändern, dann braucht man sie nicht. Sein Vorschlag ist, den Staat wie ein Unternehmen zu führen: an der Spitze ein Chef, ein nationaler CEO, mit voller Befehlsgewalt. Die Bürger sind keine Wähler mehr, sondern Kunden; wer den Laden schlecht führt, kann von den Anteilseignern abgesetzt werden, aber das Volk stimmt über nichts mehr ab. Yarvin nennt dieses Amt manchmal beim Namen — es sei das, was man gewöhnlich einen Diktator nennt.14 Er will die Demokratie nicht reformieren, sondern abschaffen.
Man könnte ihn ignorieren, wenn er allein stünde. Tut er aber nicht, denn jemand verbindet ihn mit der wirklichen Macht: Peter Thiel.
Thiel ist Milliardär, Mitgründer von PayPal, früher Investor bei Facebook und einer der einflussreichsten Geldgeber der amerikanischen Rechten. Er hat Yarvins Projekte mitfinanziert, er war der Mentor von JD Vance, lange bevor dieser Vizepräsident wurde, und er hat schon 2009 einen Satz geschrieben, der heute wie ein Vorzeichen wirkt: Er glaube nicht länger, dass Freiheit und Demokratie miteinander vereinbar seien.15
Diesen Satz muss man sacken lassen. Thiel sagt nicht, die Demokratie habe Mängel — das sagen viele. Er sagt, sie stehe der Freiheit im Weg. Wenn man wählen muss zwischen beidem, dann wählt Thiel die Freiheit, gemeint ist die Freiheit des Einzelnen, vor allem die wirtschaftliche, die nicht durch Mehrheiten eingeschränkt werden soll. Demokratie erscheint hier nicht als Schutz der Freiheit, sondern als ihre Bedrohung.
Woher kommt dieses Denken? Hier lohnt ein kurzer Blick in die Ideengeschichte, aber wirklich nur ein kurzer, denn man kann sich in den Bezügen verlieren. Zwei Namen reichen, und zu jedem genau ein Gedanke. Der erste ist Carl Schmitt, ein deutscher Staatsrechtler, der den Nationalsozialisten diente; von ihm stammt der Gedanke, dass der wahre Souverän derjenige ist, der über den Ausnahmezustand entscheidet — wer im Notfall die Regeln aussetzen darf, hat die Macht, nicht das Parlament, das in Ruhe debattiert. Der zweite ist René Girard, Thiels Lehrer in Stanford; von ihm stammt die Idee, dass Menschen einander nachahmen und dadurch in Rivalität geraten, woraus Thiel den Schluss zieht, dass echter Erfolg im Entkommen aus dem Wettbewerb liegt, im Monopol. Das prägt sein Denken über Wirtschaft und über Eliten.
Mehr muss man nicht wissen. Festzuhalten ist nur, dass diese Ideen eine Tradition haben. Sie sind nicht über Nacht im Silicon Valley erfunden worden, und auffällig oft sind ihre Quellen deutsch. Was im kalifornischen Sonnenschein verkauft wird, hat einen Ursprung in der dunkleren Ecke der europäischen Geistesgeschichte. Auf diesen Punkt kommen wir zurück, wenn es um Deutschland geht.
Bleibt der dritte und mit Abstand verwirrendste Fall: Alex Karp, der Chef von Palantir. Er verdient hier mehr Raum als die anderen, weil er die bequeme Erzählung sprengt, die Verachtung für demokratische Langsamkeit sei ein Projekt der Rechten.
Karp passt in keine der Schubladen. Er promovierte in Frankfurt in Sozialtheorie, an einem Ort, der wie kaum ein anderer mit Jürgen Habermas und der Idee demokratischer Verständigung verbunden ist. Der herrschaftsfreie Diskurs ist gewissermaßen das Gegenteil dessen, was seine Firma baut.16 Karp nennt sich selbst einen Progressiven, hat nach eigener Darstellung nie für Trump gestimmt und spricht in Interviews ausführlich über Adorno und Nietzsche. Und trotzdem verkauft Palantir Software an Geheimdienste, Armeen, Polizeibehörden und Grenzschutzapparate — Software, die verstreute Datenbestände zusammenführt, Muster sichtbar macht, Verdachtsbeziehungen erzeugt und staatliches Handeln beschleunigt. Wo bei Habermas Verständigung steht, steht bei Palantir operative Auswertung.
Der Schlüssel zu Karp liegt in seinem Buch The Technological Republic, das 2025 erschien. Seine These dort ist, dass das Silicon Valley seine eigentliche Aufgabe verraten habe. Eine Generation von Ingenieuren, die einst Dinge baute, die der Nation dienten — Halbleiter, das Internet, die Raumfahrt —, beschäftige sich heute mit Lieferdiensten und Werbeoptimierung, während sie sich gleichzeitig weigere, am Schutz dieser Nation mitzuwirken. Karp wirft seiner eigenen Branche eine Mischung aus technischer Brillanz und politischer Feigheit vor. Der Westen, so sein Argument, habe sich an seinen eigenen Wohlstand gewöhnt und den Willen verloren, ihn zu verteidigen.
Daraus folgt bei Karp aber nicht der Ruf nach dem König, wie bei Yarvin. Karp will die Demokratie nicht abschaffen, er will sie retten — er glaubt nur, dass sie sich nur verteidigen lässt, wenn der Westen härter wird, technologisch überlegen, bereit zum Kampf gegen seine Feinde. Wo Yarvin die liberale Ordnung für einen Irrtum hält, hält Karp sie für ein kostbares Gut, das gerade dabei ist, sich aus Bequemlichkeit selbst zu entwaffnen. Sein Feindbild ist nicht der Wähler, sondern der saturierte, kampfunlustige Westen, der seine eigenen Werte nicht mehr ernst genug nimmt, um für sie unangenehm zu werden.
Und genau das macht ihn zum interessantesten Fall in diesem Raum. Bei Karp sieht man, dass die Ungeduld gegenüber dem langsamen Aushandeln nicht zwingend von rechts kommt, sondern auch aus einer Diagnose erwachsen kann, die sich selbst als links und demokratisch versteht — sobald die Bedrohung nur dringend genug erscheint. Karp würde jeden Vergleich mit Yarvin empört zurückweisen, und in den Zielen läge er damit auch richtig: Der eine will die Demokratie schützen, der andere sie beerdigen. Aber in einem Reflex berühren sie sich. Beide misstrauen dem Aushandeln, beide halten die Verlangsamung im Kern für eine Schwäche, die man sich in gefährlichen Zeiten nicht leisten kann. Bei Yarvin ist das Programm, bei Karp ist es Notwehr — doch die Bremse, die beide als erstes lösen wollen, ist dieselbe.
Theoretiker, Geldgeber, Erbauer. Entscheidend ist das Muster, das sie verbindet. Im Silicon Valley gibt es einen Leitspruch, der eine ganze Epoche geprägt hat: Move fast and break things. Für eine Software-Firma ist das eine Haltung — man probiert, scheitert, probiert neu, und der Markt sortiert aus. Was diese Denker nun tun, ist, diesen Leitspruch auf den Staat zu übertragen: der Staat als Startup, schnell, hierarchisch, von einem Gründer geführt, befreit von den lästigen Bremsen der Demokratie.
Damit schließt sich der Kreis zu China, auf überraschende Weise. China demonstriert Langfristigkeit durch einen starken Staat, das Silicon Valley träumt von Geschwindigkeit durch einen unternehmerischen Staat. Das ist nicht dasselbe, aber beide teilen dieselbe Diagnose über die Demokratie — sie sei zu langsam, zu zaghaft, zu sehr mit sich selbst beschäftigt — und beide wollen die Bremse lösen, die das demokratische Aushandeln nun einmal ist, der eine im Namen der Nation, der andere im Namen des Marktes.
Es bleibt ein entscheidender Unterschied. China ist ein Staat mit einem kohärenten Projekt und Jahrtausenden Geschichte im Rücken. Das kalifornische Denken ist kein Staat, sondern eine Stimmung unter sehr reichen, sehr selbstbewussten Männern, die glauben, ein Land besser führen zu können als gewählte Politiker. Das macht es nicht harmloser. In gewisser Weise macht es das gefährlicher, denn diese Stimmung kennt keine Rechenschaft: Ein Politiker kann abgewählt werden, ein Gründer nicht.
Bisher klang das alles nach China und nach Kalifornien, nach weit weg. Aber die Ideen reisen. Sie sind längst hier angekommen, in Europa, in Deutschland — manchmal als offener Import, manchmal so leise, dass man sie kaum bemerkt.