Ist die liberale Demokratie ein Auslaufmodell?
Ein Satz über China bleibt hängen: Modernisierung muss nicht Verwestlichung bedeuten. Er trifft eine Annahme, die ich nie ernsthaft infrage gestellt habe — dass Fortschritt am Ende zur liberalen Demokratie führt. Heute behaupten sehr unterschiedliche Stimmen das Gegenteil: aus Peking, aus dem Silicon Valley, aus linker Demokratiekritik und aus Deutschland. Diese Spurensuche fragt, warum Demokratie so erschöpft wirkt — und warum die Sehnsucht nach Tempo auch in mir arbeitet.
VII. Die deutsche Spur: Wenn die Idee den Absender verliert
In Deutschland führt die naheliegende Suche in die Irre. Man erwartet die deutschen Yarvins, die deutschen Thiels — ein paar schrullige Figuren, die das amerikanische Denken nachahmen, kleiner, ärmer, provinzieller. Diese Figuren gibt es, aber sie sind nicht der Kern. Der Kern ist subtiler und beunruhigender: In Deutschland braucht es die großen Namen gar nicht mehr. Der Gedanke ist längst da, nur hat er seinen Absender verloren.
Beginnen wir trotzdem mit den sichtbaren Importeuren, kurz, denn sie existieren.
Es gibt in Deutschland ein Netz aus libertären Vereinen, Instituten und Clubs, das amerikanische Ideen übersetzt. Sie tragen Namen wie Mises-Institut oder Hayek-Gesellschaft, nach den großen Theoretikern des freien Marktes; in diesen Kreisen wird gelesen, übersetzt, eingeladen. In diesem Umfeld verorteten zeitgenössische Berichte und CeMAS eine wichtige digitale Anbahnungslinie zum vielbeachteten Gespräch zwischen Elon Musk und der AfD-Vorsitzenden Alice Weidel.20 Das Denken hat hier nicht nur Leser, sondern Resonanzräume.
Und es gibt die Neue Rechte. Der frühere Kopf der Identitären Bewegung schwärmte schon vor Jahren in einem Blog von Yarvins Ideen; als Yarvin Anfang 2026 in Wien auftrat, geschah das auf Einladung aus genau diesem Milieu.21 Hier wird das amerikanische Denken nicht nur gelesen, sondern in Aktion übersetzt. Die Verbindung Kalifornien, Wien, deutschsprachige Rechte ist real.
Hier schließt sich ein Kreis, den das Kalifornien-Kapitel offen gelassen hat. Die Ideen der amerikanischen Rechten hatten oft deutsche Quellen — Carl Schmitt, die Theoretiker der Konservativen Revolution. Diese Gedanken sind vor hundert Jahren in Deutschland entstanden, über den Atlantik gewandert, im Silicon Valley aufgeladen worden und kommen jetzt zurück: ein deutscher Export, der als amerikanischer Import zurückkehrt.
Aber all das ist noch das Sichtbare. Es ließe sich beobachten, einordnen, bekämpfen. Das eigentlich Wichtige passiert woanders — es passiert in der Sprache.
Hören wir genauer hin, wie in Deutschland inzwischen über den Staat geredet wird. Nicht am rechten Rand, sondern in der Mitte: von Ministern, von Kanzlern, in Talkshows, in Leitartikeln. Der Staat müsse endlich liefern, er müsse funktionieren, schneller werden, schlanker, effizienter; Bürokratie sei das große Übel; wir bräuchten nicht mehr Formulare, sondern mehr Freiheit; Infrastrukturprojekte sollten ein überragendes öffentliches Interesse haben, damit Einwände schneller beiseitegeräumt werden können. Es ist die Rede vom Herbst der Reformen, vom Entfesseln, vom Turbo.22
Nichts davon ist für sich genommen anstößig. Wer wollte gegen funktionierende Verwaltung sein, wer fände Wartezeiten gut. Und doch verschiebt sich hier etwas, leise, Wort für Wort: Der Staat wird zum Dienstleister, der Bürger zum Kunden, die Politik zum Management. Das ist nicht Yarvin, aber es ist anschlussfähig an sein Bild vom Staat als Unternehmen. Nur sagt das in Deutschland niemand so. Man sagt Bürokratieabbau, man sagt Handlungsfähigkeit, man sagt, der Laden müsse laufen.
Das ist die Einsickerung. Sie kommt nicht mit der roten Fahne der Revolution, sondern im grauen Anzug der Vernunft, und gerade deshalb ist sie wirksamer als jedes Manifest. Eine radikale Idee, die als gesunder Menschenverstand auftritt, muss nicht mehr verteidigt werden; sie wird einfach vorausgesetzt.
Man kann diese Verschiebung an einem Wort festmachen, das in den letzten Jahren überall auftaucht: Handlungsfähigkeit. Es klingt harmlos, fast technisch, enthält aber eine stille Wertung. Es sagt, das Wichtigste am Staat sei, dass er handeln kann — schnell, entschlossen, ungebremst. Was dabei leicht aus dem Blick gerät, ist die andere Hälfte der Demokratie: dass der Staat eben auch gebremst werden können soll, dass Einspruch, Kontrolle und Verzögerung keine Fehler im System sind, sondern eingebaut. Wer nur noch von Handlungsfähigkeit spricht, hat die Bremse schon zum Defekt erklärt.
Im Kern jeder dieser deutschen Debatten steckt eine Ungeduld. Es soll schneller gehen — die Genehmigung, der Bau, die Entscheidung. Diese Ungeduld ist verständlich, sie kommt aus echter Erschöpfung, aus realem Stillstand. Aber sie ist auch das Einfallstor: Wer schnell handeln will, empfindet das Aushandeln als Last, und wer das Aushandeln als Last empfindet, ist nur einen kleinen Schritt davon entfernt, es für verzichtbar zu halten.
Es gibt schließlich noch eine konkretere Spur, und sie führt zu einem Produkt. Eine amerikanische Firma namens Palantir verkauft Software, mit der Behörden riesige Datenmengen durchsuchen können. In Bayern, Hessen und Nordrhein-Westfalen ist sie bereits im Einsatz, der Bundesinnenminister erwägt, sie bundesweit einzuführen.23 Über die Firma, ihren Chef und die Frage, was es bedeutet, wenn ein deutscher Staat seine Sicherheitsarchitektur auf amerikanische Software baut, ließe sich viel sagen; das gehört in eine eigene Betrachtung, und dort soll es hin. Hier zählt nur, dass die Verbindung nicht abstrakt ist. Sie läuft nicht über Manifeste, sondern über Kaufverträge. Das kalifornische Denken ist nicht nur als Stimmung in Deutschland angekommen, sondern als Infrastruktur.
Das deutsche Bild ist damit ein anderes, als es zunächst schien. Deutschland ist nicht das Land der lauten Demokratieverächter — es hat ein paar davon, aber sie sind nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass die Abwertung des Aushandelns hier keine Stimme mehr braucht. Sie ist in die normale Sprache eingewandert, in die Verwaltungslogik, in den Reflex, dass alles schneller und schlanker werden müsse.
Der gefährlichste Moment ist nicht der, in dem jemand den Staat offen zum Unternehmen erklären will. Es ist der, in dem alle längst so über ihn sprechen.