Ist die liberale Demokratie ein Auslaufmodell?

Ein Satz über China bleibt hängen: Modernisierung muss nicht Verwestlichung bedeuten. Er trifft eine Annahme, die ich nie ernsthaft infrage gestellt habe — dass Fortschritt am Ende zur liberalen Demokratie führt. Heute behaupten sehr unterschiedliche Stimmen das Gegenteil: aus Peking, aus dem Silicon Valley, aus linker Demokratiekritik und aus Deutschland. Diese Spurensuche fragt, warum Demokratie so erschöpft wirkt — und warum die Sehnsucht nach Tempo auch in mir arbeitet.

IV. Die chinesische Antwort: Modernisierung ohne Verwestlichung

China ist größer und unbequemer, als man denkt.

Beginnen wir mit dem Satz, der diesen ganzen Essay angestoßen hat. Xi Jinping hat ihn seit dem Parteitag 2022 immer wieder formuliert: Die chinesische Modernisierung habe den Mythos gebrochen, Modernisierung bedeute Verwestlichung.7 Man kann diesen Satz überhören, sollte es aber nicht, denn er stellt etwas in Frage, das wir lange für selbstverständlich hielten: die Annahme, dass ein Land, das reich und modern werden will, am Ende so werden muss wie wir — demokratisch, liberal, marktwirtschaftlich. China sagt, es gehe auch anders. Und das Beunruhigende ist, dass es damit nicht offensichtlich falsch liegt.

Schauen wir auf das, was beeindruckt — nicht weil man es gut finden muss, sondern weil es schwer zu leugnen ist.

Da ist die schiere Zahl der Ingenieure. China bildet jedes Jahr ein Vielfaches an Ingenieuren aus, verglichen mit Deutschland oder den USA. Das ist keine abstrakte Statistik, man sieht es an Produkten. Bei Elektroautos, bei Batterien, bei Solarzellen ist China nicht mehr der billige Nachbauer, sondern in vielen Bereichen führend. Wer in den letzten Jahren ein chinesisches E-Auto gesehen hat, weiß, dass sich etwas verschoben hat.

Da sind die Pläne. China denkt in Fünfjahresplänen, und hinter den Fünfjahresplänen liegen Vorstellungen, die Jahrzehnte umfassen. Während westliche Regierungen oft kaum über die nächste Wahl hinausplanen, formuliert Peking Ziele für 2035 und 2049. Manche dieser Ziele werden verfehlt, viele werden erreicht, und das Erreichen ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer Maschinerie, die anders tickt als unsere.

Da ist die Geopolitik. Nehmen wir Russland. Auf den ersten Blick verbünden sich zwei Autokratien gegen den Westen; schaut man genauer, ist die Sache komplizierter. China braucht ein stabiles Russland als Rohstofflieferanten und als Puffer gegen die USA, aber kein starkes — ein zu mächtiger Nachbar an der eigenen Nordgrenze wäre ein Problem. Also unterstützt Peking Moskau gerade so weit, dass es nicht zusammenbricht, und gerade so wenig, dass es nicht übermütig wird. Das ist keine Freundschaft, sondern kühles Kalkül. Ähnlich in Afrika: Der Westen redet gern von chinesischer Schuldenfallendiplomatie, die Wirklichkeit ist nüchterner. China baut Häfen, Straßen, Bahnstrecken, sichert sich Rohstoffe und diplomatische Stimmen in internationalen Gremien. Vieles davon ist hartes Geschäft, vor allem aber ein langfristiges Spiel um Einfluss, und China spielt es geduldiger als wir.

Und dann ist da etwas, das viele im Westen überrascht. China reagiert auf seine Bevölkerung — nicht immer, nicht bei allem, aber bei vielem. Als Ende 2022 die Proteste gegen die strenge Null-Covid-Politik zunahmen, kippte Peking die Politik fast über Nacht. Wenn lokale Korruption oder Umweltzerstörung zu viel Unmut erzeugen, greift die Zentrale ein. Das ist keine Demokratie, aber auch nicht die taube Diktatur, die wir uns gern vorstellen. Manche Forscher nennen das responsiven Autoritarismus.8 Die Partei hört zu — nicht weil sie muss, sondern weil Zuhören die Herrschaft stabiler macht.

So darf das Bild aber nicht stehen bleiben. Denn dieselbe Maschine, die so effizient plant, hat eine andere Seite, und die ist hart.

Wer in China bei den großen Fragen widerspricht, hat ein Problem. Es gibt keine Stimme bei den Dingen, die wirklich zählen, keine freie Presse, die der Macht gefährlich werden könnte, keine Gerichte, die den Staat wirklich stoppen. In Xinjiang hat die Regierung Hunderttausende Uiguren in Lager gesteckt, im Namen der Sicherheit — das ist nicht responsiver Autoritarismus, das ist Unterdrückung. Über Xi selbst ist ein Personenkult entstanden, wie man ihn seit Mao nicht mehr gesehen hat. Und ein System ohne Korrektiv hat keinen Mechanismus, einen Fehler an der Spitze zu reparieren.

Auch ökonomisch bröckelt das Bild. Die Jugendarbeitslosigkeit lag im Sommer 2025 bei knapp neunzehn Prozent.9 Eine ganze Generation gut ausgebildeter junger Leute findet keine Arbeit, die ihrer Ausbildung entspricht; manche legen sich demonstrativ flach, eine stille Verweigerung, die sogar einen Namen hat.10 Der Immobiliensektor, jahrzehntelang die Säule des Wohlstands, steckt in einer tiefen Krise, mit zig Millionen leerstehenden Wohnungen. Und die Bevölkerung schrumpft; sie könnte sich bis zum Ende des Jahrhunderts halbieren.11 Das Land wird alt, bevor es richtig reich geworden ist.

China ist also kein Wunderland, sondern ein Land mit gewaltigen Stärken und gewaltigen Rissen. Wer nur die Stärken sieht, ist naiv; wer nur die Risse sieht, verschläft, was hier gerade entsteht.

Es gibt aber noch einen Gedanken, der schwerer wiegt als alle Zahlen, und er betrifft ein Wort. China nennt sich selbst eine Demokratie. Das klingt für westliche Ohren wie ein Witz oder eine Lüge. Die Partei spricht von konsultativer Demokratie, von einer Demokratie des gesamten Prozesses.12 Gemeint ist nicht, dass das Volk wählt, sondern dass die Partei das Volk konsultiert, seine Stimmung aufnimmt, seine Bedürfnisse verwaltet und dann in seinem Namen handelt. Wahlen braucht es dafür nicht.

Man kann das als bloße Propaganda abtun — das wäre bequem. Aber die Frage dahinter ist ernst. China übernimmt nicht unsere Definition von Demokratie, es umkämpft den Begriff selbst. Es behauptet, ein anderes Modell von Legitimität zu haben: nicht durch Stimmzettel, Gewaltenteilung und Grundrechte, sondern durch Ergebnisse. Wir müssen diese Behauptung nicht teilen, aber wir sollten verstehen, dass es eine Behauptung ist und kein Versehen.

Hier hilft ein Begriff, den die Sinologin Marina Rudyak ins Spiel bringt: strategische Empathie. Das Wort führt leicht in die Irre, deshalb muss man es genau nehmen. Strategische Empathie hat nichts mit Sympathie zu tun, es ist kein Wohlfühlbegriff. Er stammt aus der Strategieforschung, vom Historiker Zachary Shore, und meint etwas Kühles:13 die Fähigkeit, die Welt mit den Augen des Gegenübers zu sehen — nicht um ihm zuzustimmen, sondern um ihn zu verstehen und besser auf ihn reagieren zu können. Wer seinen Gegner nur als verrückt oder böse abtut, versteht ihn nicht, und wer ihn nicht versteht, reagiert schlecht.

Rudyaks Rat ist also nicht, China zu mögen, sondern China ernst zu nehmen — zu lesen, was die Partei sagt, und es nicht als Geschwätz abzutun. Denn die Partei meint, was sie sagt.

Chinas eigentliche Machtdemonstration ist Langfristigkeit. Hier plant ein Staat über Jahrzehnte, hält Kurs, baut, was er sich vorgenommen hat. Das ist genau das, was uns im Westen gerade so schmerzhaft fehlt: die Bahnstrecke, die keiner genehmigt bekommt, der Draghi-Bericht, der in der Schublade liegt. Vor diesem Hintergrund wirkt Chinas Beständigkeit fast verführerisch.

Aber der Preis steht im Kleingedruckten. Diese Langfristigkeit wird auch dadurch möglich, dass öffentlicher Widerspruch in China nicht dieselbe Macht hat wie in einer liberalen Demokratie. Der Plan hält leichter Kurs, weil es keine Opposition gibt, die ihn stoppen könnte — keine Klage, die ihn aufhält, keine Bürgerinitiative, die ihn kippt, keine freie Presse, die ihn skandalisiert, kein Machtwechsel, der ihn kassiert. Die Beständigkeit ist nicht trotz der fehlenden Korrektur möglich, sondern zum Teil durch sie. Tempo und Langfristigkeit gegen Stimme und Widerspruch.

Und damit stehen wir vor einer Frage, die unbequemer ist, als sie aussieht. Was, wenn ein Teil unserer Faszination für China gar nicht so sehr mit China zu tun hat, sondern vor allem mit uns — mit dem Unbehagen über die eigene Erschöpfung? Vielleicht bewundern wir an China nicht China, sondern eine Eigenschaft, die wir bei uns selbst vermissen: die Fähigkeit, etwas zu Ende zu bringen.

Dieser Gedanke führt ins Silicon Valley. Denn auch dort gilt das langsame Aushandeln als Problem, nur aus anderen Gründen.